Alisa Tennenbaum

 

Ich heiße Alisa und bin am 3. September 1929 in einer traditionellen jüdischen Familie in Wien geboren. Meine Schwester Myriam war damals 7 Jahre alt. Mein Vater Moshe Scherzer war in Österreich geboren und meine Mutter Edith in Galizien, im Süden Polens. Meine Eltern hatten ein Geschäft für Hülsenfrüchte.

Ich bin in eine gemischte Schule gegangen, mit Juden und Christen.

Zum Zeitpunkt des Anschlusses, am 12. März 1938, war ich in der Schule. Alle jüdischen Kinder sind von der Schule verwiesen worden.  Ende Mai 1938 ist eine Schule für jüdische Kinder eröffnet worden, aber am 10. November, einen Tag nach der „Kristallnacht“, hat die Schule geschlossen. Das war sehr gefährlich, alle Kinder sind nach Hause gegangen.

Am selben Tag ist eine Frau gekommen, um uns von der Verhaftung meines Vaters  zu informieren. Zehn Tage später haben wir von Papa eine Karte aus dem Lager Dachau bekommen.

Viele Juden haben versucht ein Visum für Palästina zu bekommen, aber nur 60 Jugendliche haben eines erhalten unter ihnen meine Schwester.

Am 27. Januar 1939 hat die Schule für jüdische Kinder wieder auf gemacht. Ich war im Unterricht als eine Nachbarin gekommen ist, um mir zu sagen, daß mein Vater aus Dachau befreit worden war. Ich bin nach Hause gelaufen. Ich habe meinen Vater nicht wieder erkannt. Er saß auf dem Bett und weinte. Sein Kopf war kahl geschoren. Papa hatte drei Monate, um Österreich zu verlassen und durfte nur einen einzigen Koffer mitnehmen.

Dank eines Briefes unserer Angehörigen, die in Kanada lebten, hat Papa ein Visum für Großbritannien bekommen und ist im April 1939 abgereist und hat versucht, uns, Mama und mich, nach Großbritannien  nachkommen zu lassen.

Mama hat mich in einen Kindertransport eingeschrieben.  Am 22. August 1939 mußte ich Österreich verlassen. Mama ist in Österreich geblieben.

In London hat man uns in einem großen Amphitheater versammelt. Ich habe in der Menge, die gekommen war, um die Kinder abzuholen meinen Vater gesucht, aber er war nicht da. Am Ende blieben nur ich und ein kleiner Junge übrig.

Man hat mir ein paar Worte um den Hals gehängt: Richtung New Castle. Ich habe allein den Zug genommen. Ich habe die ganze Fahrt über geweint. Ich hielt ein Deutsch-Englisches Wörterbuch in der Hand. Ein Priester und eine Frau, die Deutsch sprachen, haben mich beruhigt und mir geholfen am richtigen Bahnhof auszusteigen.

Zwei jüdische Frauen, die sich um die Flüchtlingskinder kümmerten, erwarteten mich bei meiner Ankunft. Sie haben mich in ein Mädchenpensionat gebracht. Zwei Tage nach meiner Ankunft bin ich in die Schule gegangen. Die Lehrerin hat mir sehr geholfen.

Eine Woche nach meiner Ankunft, am 3. September 1939, haben wir Sirenen gehört. Ich dachte, es wäre für meinen Geburtstag! In Wirklichkeit war der Krieg ausgebrochen.

Man hat uns gebeten, auf der Straße nicht mehr Deutsch zu sprechen, weil das die Sprache des Feindes war.

Ich habe einen Brief von meiner Schwester bekommen, die in Israel war, aber ich hatte keine Neuigkeiten von meinem Vater in Großbritannien und von meiner Mutter in Wien.

Sechs Wochen später ist mein Vater in der Uniform der britischen Armee gekommen. Ich war das einzige der 20 Mädchen des Pensionats, dessen Vater in Großbritannien war.

Papa ist der Vater aller Mädchen geworden. Ich hatte immer noch keine Neuigkeiten von meiner Mutter. Mein Vater besuchte mich alle drei Monate.            

Ich wusste nicht, was sich im Rest Europas abspielte. Im Pensionat kümmerte man sich darum uns abzulenken. Am 2. Mai 1945 ist ein Telegramm angekommen: Mama ist aus dem Lager Ravensbrück befreit worden undbefand sich zur Erholung in Schweden. Ich habe sofort Telegramme an meinen Vater und an meine Schwester geschickt, um ihnen die wunderbare Neuigkeit mitzuteilen.

Ich hatte einen Vater und eine Mutter, während meine Freundinnen niemanden mehr hatten. Ich fühlte mich schuldig.      

Die deutschen und österreichischen Juden waren unter den ersten, die verfolgt worden sind. Mein Vater und ich verdanken unser Überleben der Tatsache, dass wir 1939 nach England auswandern konnten.

Mama ist im Januar 1946 zu uns gekommen. Ich war 16 einhalb Jahre alt. Mama hat erzählt, was ihr seit unserer Abreise passiert ist. Sie hat einen gelben Stern auf ihrer Kleidung tragen müssen. Eines Tages ist sie ins Ghetto von Lodz, nach Polen, geschickt worden. Danach hat man sie nach Auschwitz deportiert und dann in ein Arbeitslager in der Nähe von Berlin, wo sie in der Munitionsfabrik von Krupp arbeiten musste.

Mama diente als Übersetzerin, weil sie Deutsch und Polnisch sprach. Danach ist sie nach Sachsenhausen und dann nach Ravensbrück deportiert worden. Am 28. April 1945 ist sie im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Schweden gebracht worden. Bei ihrer Ankunft dort war sie 48 Jahre alt und wog nur 42 Kilo.

Alisa Tennenbaum lebt heute mit ihrer Familie in Israel.

 

Alisa Tennebaum / Auszug aus ihrer erzählten Geschichte