Dokumentation zur Judendeportation

 

… Mit längerem Aufenthalt zeitweise u. gutem Essen, das meist aus Speck, Butter, aus Schokolade u. Zigaretten besteht. geht es am 21. Vlll. [1942] über Mährisch-Ostrau‚ Zauchtel, Kattowitz u. durch die ganze lndustriegegend Ober Schlesiens, weiter geht es dann über Radom, Lukow nach Siedlce, wo wir am Abend ankommen u. noch Suppe bekommen.

Von Zeit zu Zeit krachen immer Schüsse. Da sehen wir auch schon zirka 7.000 Juden, und sooft einer oder eine aufsteht, sinkt sie auch schon mit einem Kopfschuss zusammen.

Wir gehen dann bald schlafen, und ich werde am 23. gerade munter, als wir ganz knapp vor den Juden vorbeifahren. Es sind lauter Ostjuden, abgemagert, zerlumpt. Sie haben schon 2 Tage kein Essen u. Wasser erhalten. Es kommt da öfter ein Lastauto, das mit jüdischer Polizei besetzt ist, und die fahren dann die Toten weg.

Entsetzliche Szenen gab es beim Verladen in die Viehwaggons. 180 Juden in einem Waggon. Die Eltern in dem einen, die Kinder in dem anderen, und ständig krachen die Schüsse der Wachmannschaft, die aus ukrainischen Freiwilligen besteht. Als glücklich alles verladen ist, schreit man aus jedem Waggon um Wasser "prosim wodi, bitte Wasser für meinen: goldenen Ring für 5.000 Zloty" (2.500 RM). Uhren etc. werden uns angeboten für ein Glas Wasser.

Als dann die ersten durch die Luken der Waggons klettern u. erschöpft im Sande liegen, werden sie erschossen, so daß dort ein Massaker entstand, daß es jeden von uns ekelte, und [ein] Blutbad, wie ich es noch nie gesehen habe. Die Mutter springt mit dem Kinde [vom Waggon] runter u. sieht ganz ruhig in den Gewehrlauf, der auch bald ihr das erlösende Geschoß durch den Kopf jagt.

Aus den Waggons wird der Ruf nach Wasser immer hysterischer. Frauen rufen uns zu "Bitte erschießen Sie mich!" "Bitte hierher schießen!"

Als dann endlich der Zug die Station verläßt, liegen mindestens 50 Tote, Frauen, Männer, Kinder, teils vollkommen nackt, am Bahnhof, die dann die jüdische Polizei wegräumt. Wertgegenstände aller Art verschwinden in den Taschen der Wegräumer. Als dann unser Zug denselben Weg nimmt, liegt noch so manches Kind u. andere am Bahnkörper.

 Auf der Fahrt nach Treblinka, wo das jüdische "Entlausungslager" liegt, holen wir den Zug ein. Ein Leichengeruch liegt in der Luft, daß uns das Brechen ankommt. Wieder liegen wir neben dem Judentransport, wo noch heißer der Ruf nach Wasser erklingt.

Noch immer schießen die Posten wahllos in die Juden. 300.000 hat man hier zusammengesammelt, u. täglich werden 10.000 -15.000 mit Gas vergiftet und verbrannt.

Jeder Kommentar zu dieser Sache ist vollkommen überflüssig. Man hat in den Ghettos Waffen gefunden, u. das war Gegenmaßnahme.

… Hier ist einzufügen, daß am 23. 8. 42 die Schießerei sich uns so zeigte, daß entlang auf einem Bahnkörper eine große Zahl von Menschen nur undeutlich erkennbar war, und sie hatten den Befehl sitzen zu bleiben, und wenn jemand aufstand, eröffneten die Posten das Feuer.

… Ich ging zu einem der schießenden Posten und fragte ihn, was hier los sei. Er antwortete mir: "Ne pone maju, jasem Ukrainsky", das heißt: Ich verstehe nicht, ich bin ein Ukrainer.

Mir war sofort klar, dass es sich hier um einen Judentransport handelte, und [ich] ging aufgeregt zu unserem Zugführer, einem Leutnant, um ihn aufzufordern, gegen diese schrecklichen Maßnahmen einzuschreiten. Er erklärte mir, er sehe keine Chance, hier mit Erfolg zu intervenieren. Wir kamen dann überein, dass wir zu dritt, also der Leutnant, ich und noch jemand, den ich nicht mehr kenne, zu dem SS-Offizier gehen mögen, um gegen das Massaker zu protestieren. Der Protest sollte in der Form vorgetragen werden, das war auch dann so, daß wir erklärten, wir fühlten uns von einem solchen Vorgehen demoralisiert, es wäre unmenschlich, es ist deutschen Soldaten nicht zuzumuten, [bei] einem solchen Massaker zusehen zu müssen, und wir fordern die Abstellung. Kaum hatte der Leutnant diesen Protest vorgebracht, wurden wir von dem SS-Offizier angebrüllt, wir ostmärkischen Schweine mögen so bald als möglich verschwinden, sonst würde er einen Waggon anhängen lassen, der uns nach Treblinka brächte. Dort habe ich das erste Mal das Wort Treblinka gehört, und mir war dann schon bewußt, daß es sich um ein Vernichtungslager handeln würde. …

Auszug aus dem Tagebuch von Hubert Pfoch,

1928 Beitritt zu den Roten Falken, ab 1936 Mitglied einer illegalen Jugendgruppe (Revolutionäre Sozialistische Jugend, 1940 Reichsarbeitsdienst in Brünn, anschließend Dienst in der Deutschen Wehrmacht. August 1942 in Siedlce (Polen) fotografische Aufnahmen eines nach Treblinka gehenden Transports von Jüdinnen und Juden. Ab 1984 Präsident des DÖW, ab 2003 Ehrenpräsident des DÖW.